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In den schlechten alten Zeiten für die Apple-User, von denen mancher meint, es waren die guten, also Mitte der 90er, hatte sich in meinem Bekanntenkreis dieses Ereignis zugetragen:

Ein älterer Herr aus dem karitativen Umfeld hat ein Problem mit seinem privat genutzten Macintosh Performa. Er fährt die 50 km zum nächsten Apple Händler, ein typischer Händler zu dieser Zeit, Kundschaft primär aus Druckvorstufe und Grafik-Design. Nachdem er sich an der Rezeption angemeldet hatte, wird er in einen Warteraum gebeten und nach einiger Zeit wird ihm avisiert, ein Herr Dr.-Ing. [Name] würde sich bald seines Problems annehmen wollen. Ob des teuer wirkenden Ambientes und der vermuteten Hochqualifikation des angekündigten Gesprächspartners traut er sich nicht, seine Frage zu stellen und schleicht sich heimlich davon.

Dann kam Gravis, o.k., es gab sie schon seit 1988, aber so richtig erfolgreich wurden sie 10 Jahre später, weil sie parallel zu Apple unter dem rückgekehrten Jobs auf den Consumer Markt gesetzt hatten. Freundliche Läden mit mäßig freundlichen jungen Verkäufern, akzeptablen Preisen und in den Stadtzentren vertreten. Wer geduldig war konnte auch was zum Reparieren abgeben und wer sehr geduldig war, auch etwas an der Kasse bezahlen. Das Kassensystem war wohl das langsamste der Welt. In den Nuller-Jahren hatte Gravis dann ein beeindruckendes Wachstum hingelegt, genau wie Apple in der Vor-iPhone-Ära, d.h. deutlich, aber nicht explosionsartig. Die Münchener Vertretung von Gravis wuchs deutlich bei zwei Umzügen von der Dachauer- in die Lindwurmstraße und schließlich ins Tal.

Dann, nochmal 10 Jahre später, kamen die Apple Stores und die Kunden lieben das Original. Eine spürbare Verdrängung kann niemand verleugnen, die Laufkundschaft, die man bei Gravis im Tal beobachtet, ist gefühlt sicherlich nicht 1/10 so groß wie in der Rosenstraße im Apple Store. Gravis ist weder der Preis- noch der Qualitätsführer in der Branche. Nochmehr Consumer-Ausrichtung geht auch nicht. Ehrlich gesagt, mich hätte mittelfristig eine Pleite nicht gewundert und erst recht nicht, wenn Apple selber kriseln sollte.

Jetzt nimmt sich Freenet der Sache an, ein Mobilfunk-Reseller schluckt den Apple-Retailer. Kann das gutgehen? Vielleicht. Ein mobliles Endgerät von Apple (vielleicht passt ja sogar in ein künftiges MacBook noch eine Nano-SIM) und einen attraktiven Mobilfunkvertrag im Bundle, das könnte schon gehen. Die Atmosphäre in einem Gravis ist schließlich eine Spur angenehmer als in den Neonlicht-1€-Shop-Lookalike-Verkaufsbuden der Mobilfunk-Provider. Hoffentlich gibt sich das Verkaufspersonal nicht wie das Mitglied einer Drücker-Kolonne.

Wünschen wir dem Unterfangen, unter Berücksichtigung des Weihnachtsfriedens, mal viel Glück.

Carsten Lemmen

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